Gerlinde Spitzl ist «Global Women Leader in Healthcare» 2023

06.02.2024

Gerlinde Spitzl, CEO am UZB | Universitäres Zentrum für Zahnmedizin Basel, wurde als eine von zehn Global Women Leaders in Healthcare ausgezeichnet. Im Interview verrät sie, wie sie ihre Leidenschaft für das Gesundheitswesen entwickelt hat, was ihr Erfolgsrezept ist und was sie künftigen weiblichen Führungskräften mitgeben möchte.

Sie sind seit Januar 2021 CEO des UZB | Universitäres Zentrum für Zahnmedizin Basel. Wer sind Sie noch? Und was hat Sie geprägt?

Ich war bereits in meiner Kinder- und Jugendzeit immer sehr auf Freiheit und Unabhängigkeit bedacht. Aus heutiger Sicht, als Mutter von drei Kindern, wahrscheinlich keine einfache Zeit für meine Eltern. Oft war ich mit meinem Grossvater unterwegs, der mir sehr viel mitgegeben hat – Werte wie Empathie, Grosszügigkeit, Herzlichkeit und vor allem auch Unabhängigkeit habe ich von ihm übernommen. Er hat mich auch gelehrt, meine Träume nicht aufzugeben, sondern sie zu leben. Zusätzlich verbrachte ich mein 12. bis 16. Lebensjahr in einem Internat in einem katholischen Kloster. Dort habe ich gelernt, dass es einen gewissen Effort braucht, wenn ich etwas erreichen will und dadurch auch nicht aufzugeben, bevor ich es nicht erreicht habe.

Erzählen Sie uns von Ihrem Bildungshintergrund. Was hat Sie dazu bewogen, in den Bereich des Gesundheitswesens einzusteigen?

Für mich war dafür ein Ereignis ausschlaggebend. Meine Grossmutter arbeitete ebenfalls in einem Spital und ich durfte sie dort in den Ferien regelmässig besuchen. Ich war total fasziniert von dem damaligen Direktor, beobachtete seinen Tagesablauf. Er erschien gegen 9 Uhr, ihm wurden ein Kaffee und die aktuelle Zeitung gebracht. Danach war er bis ca. 12 Uhr in seinem Büro, ass anschliessend in der Spital-Kantine sein Mittagessen und nachmittags ging er durchs Haus und sprach mit den Mitarbeiter:innen. Das hat mich sehr begeistert und in mir den Wunsch geweckt, ebenfalls als Klinikdirektorin zu arbeiten. Leider habe ich es während meiner gesamten Karriere noch nicht erlebt, dass ich am Vormittag Zeitung lesen konnte und den Kaffee musste ich mir auch meistens selbst holen.

Nachdem ich die Schule abgeschlossen hatte, habe ich zunächst eine Ausbildung zur Arzthelferin in einem Spital gemacht. Im Anschluss studierte ich für drei Jahre Medizin und stellte fest, dass mein Interesse vor allem in Richtung Organisation und Management ging. Ich erinnerte mich an meine damaligen Beobachtungen und mir wurde klar, das ist die richtige Rolle für mich.

Daher entschied ich mich für ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Regensburg, gefolgt von dem Studium der Gesundheitsökonomie in Ingolstadt und der Psychologie in Zürich.

Zusätzlich nahm ich jede Weiterbildung wahr, die mich interessierte und meine Perspektive noch erweitern konnte.

Sie haben eine glänzende Karriere im Gesundheitswesen aufgebaut. Können Sie uns durch Ihren bisherigen langen und umfangreichen beruflichen Werdegang führen?

Ich habe meine Ausbildung und meine ersten Jahre danach in einem Krankenhaus in Deutschland, in Bayern, verbracht. Diese Jahre waren sehr wichtig für meinen restlichen Werdegang. Ich konnte in dieser Zeit in alle Bereiche einer Klinik eintauchen – Ambulanz, Station, Operationsraum, Archiv, Administration. Das Wissen, das ich hierbei generierte, ist mir in meiner weiteren Laufbahn immer wieder von Nutzen gewesen, insbesondere bei Neu- oder Reorganisationen. Wenn mir heute unsere Mitarbeitenden Herausforderungen aus ihrem Arbeitsalltag schildern, dann sind es diese Erlebnisse, die mir ermöglichen zu verstehen, mit zu diskutieren, Lösungen zu entwickeln oder Argumente zu entkräften, die gegen eine Veränderung sprechen.

1999 wechselte ich an das Universitätsspital Regensburg. Ein Wechsel von der ländlichen hin zur städtischen Umgebung, und zugleich von einer regionalen hin zur internationalen Tätigkeit. Hier war ich mitverantwortlich für die Organisation und Administration des Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin. Die Arbeit in verschiedenen Ländern und die Tätigkeit im Bereich Forschung und Studien war sehr interessant und bereitete mir viel Freude.

Zwei Jahre später, im Jahr 2001 wechselte ich von der Universität zu einer Klinik der Deutschen Rentenversicherung. In dieser wurden hauptsächlich Tuberkulosepatient:innen behandelt. Das Leistungsspektrum sowie die Klinikinfrastruktur waren nicht mehr zeitgemäss. Ich konnte miterleben, wie das gesamte Klinikum neu gebaut wurde und das Leistungsspektrum neu entwickelt und definiert wurde. Interne Analysen, Design Thinking, Strategieentwicklung und
-umsetzung, ich nahm am gesamten Prozess teil und merkte, dass ich darin aufging, Visionen und Ideen mit anderen zu entwickeln und für deren Umsetzung zu begeistern.

2007 beschlossen mein Mann und ich, mit den drei Jungs in die Schweiz zu ziehen. Am Herz-Neuro Zentrum Bodensee war ich als Verwaltungsleiterin für zwei Kliniken in zwei Ländern, Schweiz und Deutschland, zuständig. Dies war eine spannende Herausforderung. Es machte mir Freude, meine Erfahrungen einzubringen, sei es bei der Einführung des neuen Entgeltssystems DRG in der Schweiz oder bei der Einführung eines neuen IT-Systems.

2009 übernahm ich die Leitung Betriebswirtschaft am Universitätsspital Zürich. Hier sollten 42 Kliniken in neun Bereiche konsolidiert werden – erneut eine komplexe Reorganisation. Ich übernahm die Mitverantwortung für die erfolgreiche Umsetzung dieses Projektes. Zugleich erschloss ich einen für mich neuen Bereich, den der Bildgebung. Dieser entwickelte sich für mich zu einer Leidenschaft. Die Entwicklung eines Lifecycle Management für Grossgeräte unter Einbezug von internationalen Unternehmen und die Involvierung in die Geräteentwicklung, z.B. in der Alzheimer Forschung, waren eine sehr grosse Erfahrung für mich.

2014 wurde ich angefragt, ob ich eine Klinik in einer Spitalgruppe leiten möchte. Dies stellte mich vor neue Herausforderungen, da die Fusion der drei Kliniken erst 2012 stattgefunden hatte. Es mussten eine neue Unternehmenskultur aufgebaut werden, die finanzielle Basis für eine erfolgreiche Existenz geschaffen und Synergien aus der Fusion realisiert werden. 2016 wurde mir dann die Leitung der Kliniken über alle drei Standorte übertragen. Eine fordernde und auch erfüllende Aufgabe.

Viele Stationen also, die mich dann 2021 an das UZB nach Basel gebracht haben.

Stellen Sie uns das UZB | Universitäres Zentrum für Zahnmedizin Basel vor.

Willkommen am «UZB – Ihrem lebenslangen Partner für Zahnmedizin in Basel»: Hier verschmelzen erstklassige Zahnmedizin, innovative Lehre und wegweisende Forschung zu einem interdisziplinären Zentrum.

Unser hochqualifiziertes Fachpersonal und modernste Infrastruktur ermöglichen uns täglich eine ganzheitliche Betreuung unserer Patient:innen auf höchstem Niveau, dabei steht Ihr  Wohlbefinden im Mittelpunkt unserer Arbeit.

Mit unseren sieben Kliniken bieten wir ein umfassendes Spektrum von grundlegenden Versorgungsleistungen bis hin zu anspruchsvollen, universitären Behandlungen, und das unter einem Dach. Ein Alleinstellungsmerkmal in der Schweiz.

Das UZB übernimmt dabei eine Schlüsselrolle in der Umsetzung der Zahnpflegeverordnung des Kantons Basel-Stadt, die kostenlose Untersuchungen und vergünstigte Behandlungen für Kinder und Erwachsene vorsieht. Universitäre Kliniken sind nicht nur Ausbildungsstätten, sondern auch Anlaufpunkte für Selbstzahler:innen und komplexe zahnmedizinische Herausforderungen, die weitestgehend von Privatpraxen überwiesen werden.

Als Teil der renommierten Universität Basel bieten wir eine umfassende und innovative zahnmedizinische Ausbildung an. Unsere Absolvent:innen zeichnen sich durch herausragende Fachkenntnisse und praktische Fertigkeiten aus.

Vorreiter:in in zahnmedizinischer Forschung und Technologie zu sein, bedeutet zudem eine kontinuierliche Arbeit unserer Forschungsteams, die die Zukunft der Zahnmedizin mit neuen Erkenntnissen und innovativen Ansätzen gestalten.

Welche Schlüsselrollen spielen Sie als CEO des UZB? Erzählen Sie uns von Ihren Schwerpunkten bei der Leitung der Gesundheitseinrichtung.

Das Spannende an meiner Rolle als CEO ist die Vielfältigkeit der Aufgaben, die sich mir bieten.

Zum einen bin ich Vermittlerin. Zwischen den Berufsgruppen wie der Administration und dem medizinischen Personal. Ebenso zwischen den einzelnen Interessengruppen und Stakeholder:innen wie der Universität, dem Kanton oder auch dem Verwaltungsrat. Hier gilt es für mich, Bedürfnisse aufeinander abzustimmen und zugleich die richtigen Schwerpunkte zu setzen. So stehen bei uns im UZB die Patient:innenbehandlung sowie die Lehre und Forschung stets im Mittelpunkt.

Ich möchte inspirierend auf meine Mitarbeitenden wirken und ihnen den «Nordstern» aufzeigen, den wir gemeinsam erreichen wollen. Dabei gehe ich ehrlich mit Erfolgen und Misserfolgen um, stehe prozessbegleitend als Ansprechpartnerin zur Verfügung – eine offene Kommunikation ist mir wichtig, so dass wir alle am gleichen Strang ziehen können und uns gemeinsam weiterentwickeln.

Viele Herausforderungen – welche waren die grössten, denen Sie als Unternehmensleiterin und Führungskraft im Gesundheitswesen gegenüberstanden? Und wie gehen Sie mit potentiellen Hindernissen um?

Eine meiner grössten Herausforderungen ist sicherlich, die akademische Welt mit der betriebswirtschaftlichen Welt zu fusionieren und beiden möglichst gerecht zu werden. Auf den ersten Blick widersprechen sich die akademische Freiheit und das finanzielle Gewissen. Doch es gibt durchaus einige gemeinsame Interessen, die zusammen verfolgt werden können.

Zusätzlich stehen wir im Spannungsfeld der Gleichzeitigkeit eines exponentiellen digitalen Fortschritts, zum Beispiel durch künstliche Intelligenz oder auch immersiver Anwendungen im Medizinbereich, und dem Wettbewerb, der sich daraus ergibt. Wo soll investiert werden, wo hält man sich zurück?

Ein weiteres Thema ist die aktuelle Generation von Mitarbeitenden. Diese möchten einen anderen Umgang, ein anderes Arbeitsklima und eine andere Kultur als die Generationen davor. Es gilt, sie in die Herausforderungen und anstehenden Themen mit einzubeziehen, mehr Gespräche zu führen und sie in die Unternehmensbelange zu involvieren. Es geht als Führungskraft nicht nur darum, etwas vorzugeben, sondern etwas mit den Mitarbeitenden zu entwickeln und ihnen Raum für Ideen zu geben.

Was waren Ihrer Meinung nach die grössten Erfolge, die Sie bisher in Ihrer beruflichen Laufbahn erzielt haben? Was ist Ihr Erfolgsmantra?

Einer meiner grössten Erfolge ist, dass wir das UZB innerhalb von drei Jahren in eine gewinnbringende Zone geführt haben. Zudem beginnen die sieben zusammengeführten Kliniken, eine gemeinsame Unternehmenskultur zu leben, nach dem in 2022 erfolgten Reengeneering.

Weitere Erfolgserlebnisse sind, dass wir mit dem eingeführten Ressourcen- und Kapazitätsmanagement eine Vorreiter:innenrolle im deutschsprachigen Raum einnehmen.

Ebenso ist die Einführung des Lean-Managements im Kantonsspital Baselland zu nennen. Durch die Umstrukturierung der Organisation nach den Lean–Prinzipien wurde es möglich, täglich innerhalb kürzester Zeit alle nötigen Informationen zu bekommen, die für etwaige Entscheidungen nötig waren. Dies hatte einen grossen Einfluss auf die Agilität und die Flexibilität des Unternehmens. Zusätzlich wurden Barrieren zwischen den einzelnen Berufsgruppen abgebaut und das gegenseitige Verständnis aufgebaut.

Mein Erfolgsmantra ist, niemals aufzugeben und immer positiv und optimistisch zu bleiben. Ganz nach dem Motto: «Ändere dich selbst, dann ändern sich auch die anderen.»

Nur mit deiner eigenen Begeisterung, Offenheit und Kreativität kannst du dasselbe ebenso bei den Mitarbeitenden säen. Das gelingt mit einer positiven Ausstrahlung und mit einem Lächeln viel besser.

Ihre Botschaft für angehende weibliche Führungskräfte/Unternehmerinnen?

Überlege dir, was dir wichtig ist und was du selbst erreichen willst. Setze dir Ziele und Träume, verfolge diese und lass dich nicht vom ersten Sturm aufhalten. Du musst auch nicht alles alleine erreichen, es gibt immer Menschen in deinem Umfeld, die dich unterstützen und dich fördern. Nutze diese zusätzliche Hilfe und Unterstützung.